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Hélène de Ryckel


Leitet seit rund zehn Jahren die Kulturvermittlung im Musée Ariana: Hélène de Ryckel



Liebe Hélène, im Dezember 2021 hat das Musée Ariana in Zusammenarbeit mit diversen Vereinen und Partnern die zweitägige inklusive Veranstaltung L'art pour tous, tous pour l'art organisiert. Im Rahmen dieser Veranstaltung beleuchteten Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen das Museum und seine Sammlung aus ihrer Sicht und machten diese einem breiten Publikum zugänglich. Wie ist es zum Projekt gekommen?

Die Idee entstand aus dem Netzwerk, das wir in den vergangenen zehn Jahren mit verschiedenen Partnerorganisationen aufgebaut haben. Als erstes Museum in der Schweiz haben wir im Musée Ariana bereits 2009 Führungen in Gebärdensprache angeboten und dafür Personen mit einer Hörbehinderung ausgebildet und gecoacht. 2013 kuratierte das Musée Ariana dann eine Ausstellung zum Werk des Künstlers Jean Fontaine, der den Wunsch äusserte, dass die Besuchenden seine Kunstobjekte berühren können. Aus diesem Grund engagierten wir damals vier Personen mit einer Sehbehinderung und boten dem Publikum an, die Ausstellung in zwei Durchgängen zu entdecken: Zunächst konnten die Besuchenden mit verbundenen Augen und in Begleitung einer sehbehinderten Person die Ausstellung durch Tasten und Berühren entdecken. Und danach waren sie eingeladen, ihre Augenmaske abzunehmen und gemeinsam mit den Vermittler*innen mit einer Sehbehinderung zu diskutieren, welche Informationen zu den Objekten sie nun explizit


Für uns war es enorm wichtig, dass die Personen mit einer Behinderung, die an der Veranstaltung als Vermittler*innen tätig waren, das gleiche Honorar für ihre Dienstleistung erhielten wie alle übrigen Vermittler*innen.

durch den Sehsinn erhielten. Das führte zu erstaunlichen Entdeckungen und schönen Dialogen: Wenn sich zum Beispiel jemand sicher war, Keramik zu berühren und danach die Maske abnahm und realisierte, dass es sich stattdessen um Metall handelte. Es ging also auch um die Frage, wie der Sehsinn die Realität und unsere Wahrnehmung beeinflusst. Jedenfalls entstand dank all dieser Aktivitäten und Formate mit der Zeit ein Netzwerk mit verschiedenen Vereinen wie Autisme Genève, Cap Loisirs oder S5, die sich für Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung engagieren. Und vor zwei Jahren haben wir dann den Entschluss gefasst, in Kooperation mit diesem Netzwerk eine Veranstaltung zu planen und diese verschiedenen Publikumsgruppen zusammenzubringen.

Wie seid ihr vorgegangen? Wie gestaltete sich der Arbeitsprozess mit den insgesamt acht Partnerorganisationen, die an der Veranstaltung mitgewirkt haben?

Was für mich im Zentrum stand, war, unsere Ausstellungsobjekte und -räume mit einem anderen Blick wahrzunehmen und zu betrachten. Das andere grosse Anliegen war, mit diesen Gruppen gemeinsam etwas zu entwickeln, und nicht nur für sie. Wir wollten von unseren Partnern wissen, worauf sie Lust hatten, was sie interessierte und welche Bedürfnisse für sie im Zentrum stehen. Bei den Personen mit einer autistischen Erkrankung zum Beispiel gibt es verschiedene Ausprägungen: Während die einen in einen direkten Austausch mit den Besuchenden kommen wollten, gab es andere, die sich nicht wohlfühlten, vor Publikum zu


Die gehörlose Person nahm daraufhin die Hände der blinden Person und zeigte ihr, wie man "Porzellan" in Gebärdensprache darstellt. Das war unglaublich berührend.

sprechen. Diese machten dann kleine Videos, in denen sie ihre Sicht auf Ausstellungsobjekte zeigten. Wir haben uns also vollumfänglich auf ihren Blickwinkel, ihre Perspektive und ihre Bedürfnisse eingelassen und unsere Angebote entsprechend angepasst. Und ganz zentral war für uns auch, dass die Personen mit einer Behinderung, die an der Veranstaltung als Vermittler*innen tätig waren, das gleiche Honorar für ihre Dienstleistung erhielten wie alle übrigen Vermittler*innen.


Die Besuchenden waren eingeladen, ihre Augenmasken abzunehmen und gemeinsam mit den Vermittler*innen mit einer Sehbehinderung zu diskutieren, welche Informationen zu den Objekten sie nun explizit durch den Sehsinn erhielten. Es ging also auch um die Frage, wie der Sehsinn die Realität und unsere Wahrnehmung beeinflusst." – Blick auf das Ausstellungsobjekt "Sous la bête" des französischen Künstlers Jean Fontaine.

Gibt es einzelne Formate, die nun dauerhaft in das Vermittlungsprogramm des Musée Ariana aufgenommen werden?

Ja. In Zusammenarbeit mit autistischen Personen werden wir beispielsweise weitere Videos erstellen, die dann wahrscheinlich in unseren neuen Audioguide integriert werden. Zudem planen wir zusätzliche Formate für blinde und sehbehinderte Personen.

Was war dein persönliches Highlight der Veranstaltung?

Wenn man eine solch grosse Veranstaltung durchführt, ist das Schöne, dass alle aus dem Museumsteam da sind und Erlebnisse gemeinsam teilen können. Zusammen mit unserer Chef-Konservatorin nahm ich beispielsweise an einer "Visite émotions" mit blinden, sehbehinderten und gehörlosen Personen teil. Eine gehörlose Person zeigte uns, wie man das Wort "Porzellan" in der Gebärdensprache ausdrückt, was die blinde Person jedoch nicht sehen konnte. Wir hatten also zwei Personen, die sich im ersten Moment nicht verstehen konnten. Die gehörlose Person nahm daraufhin die Hände der blinden Person und zeigte ihr, wie man "Porzellan" in Gebärdensprache darstellt. Das war für uns alle unglaublich berührend. Die Veranstaltung hat uns als Team zusammengeschweisst und hat uns allen insbesondere nach der schwierigen Covid-Zeit gutgetan – intern und extern.


"Der Vorteil der Keramik ist, dass sie Teil unseres alltäglichen Lebens ist: Wir benutzen Kaffeetassen, baden in der Badewanne. Das ist sicher ein wichtiger Anknüpfungspunkt. Aber um die jungen Leute anzuziehen, braucht es konkrete Projekte, die ihnen grosse Freiheiten lassen." – Einblick in die Sammlung des Musée Ariana


Du bist seit fast 20 Jahren als Kulturvermittlerin tätig. Was macht für dich die Faszination der Kulturvermittlung aus?

Was ich an der Kulturvermittlung liebe, ist das Glück, immer wieder neue Dinge zu lernen. Es ist ein bisschen wie in der Schule: Man entdeckt, entdeckt und entdeckt... und danach darf man dieses Wissen weitergeben und vermitteln. Ich mag diese zwei Ebenen. Im Gegensatz dazu, wie wir vor zwanzig Jahren Führungen gemacht haben, gibt es heute einen Austausch mit dem Publikum. Wir fragen die Besuchenden, was sie denken, was sie in einem Objekt sehen und das fordert auch uns Vermittler*innen heraus, genau hinzuschauen und andere Blickwinkel kennenzulernen.


Wie bist du Kulturvermittlerin geworden?

Durch Zufall. Ich hatte in Belgien Kunstgeschichte und Archäologie studiert mit Schwerpunkt auf aussereuropäische Kunst. Als ich 1998 in Genf ankam, sagte mir mein Nachbar, dass am Musée d'art et d'histoire für eine grosse Ausstellung über Mexiko Vermittler*innen gesucht werden. Und da ich meine Abschlussarbeit über die Architektur der Maya geschrieben habe, bewarb ich mich und war dann zunächst einfach als freischaffende Vermittlerin tätig, später dann als festangestellte Vermittlerin für aussereuropäische Ausstellungen und seit 2001 für die Sammlung des Musée Ariana. Und 2010, als das Musée Ariana, das bis dahin Teil des Musée d'art et d'histoire war, unabhängig wurde, wurde ich


Was ich an der Kulturvermittlung liebe, ist das Glück, immer wieder neue Dinge zu lernen. Es ist ein bisschen wie in der Schule: Man entdeckt, entdeckt und entdeckt... und danach darf man dieses Wissen weitergeben und vermitteln. Ich mag diese zwei Ebenen.

gefragt, ob ich die Leitung der Vermittlung übernehmen möchte. Zunächst zögerte ich etwas, denn ich bevorzuge thematische Vielfalt und mag es nicht, immer die gleichen Geschichten zu erzählen. Dann habe ich jedoch realisiert, dass wir im Ariana mit Europa, dem Nahen Osten und Fernost Osten drei Kontinente abdecken, mit der Keramik und dem Glas zwei unglaublich vielfältige Werkstoffe und Techniken thematisieren und damit die Abwechslung definitiv gegeben ist.


"Ältere, historische Objekte befinden sich ohnehin in der Vitrine und können nicht berührt werden. Aber bei zeitgenössischen Objekten frage ich die Künstler*innen immer, ob die Objekte berührt werden dürfen." – Einblick in die "zone didactique" des Musée Ariana


Wie lässt sich die Kunst der Keramik einem breiten Publikum zugänglich machen? Wie lässt sich die große Anziehungskraft vermitteln, die die Herstellung von Keramik und Glas über Jahrhunderte hinweg auf Künstler*innen ausgeübt hat?

Der Vorteil der Keramik ist, dass sie Teil unseres alltäglichen Lebens ist: Wir benutzen Kaffeetassen, baden in der Badewanne. Das ist sicher ein wichtiger Anknüpfungspunkt. Aber um die jungen Leute anzuziehen, braucht es konkrete Projekte, die ihnen grosse Freiheiten lassen. Im Rahmen unserer Japan-Ausstellung "Chrysanthèmes, dragons et samouraïs" haben wir beispielsweise 172 Sekundarschüler*innen, junge Migrant*innen und Personen mit einer geistigen Behinderung gebeten, Plakate zu gestalten, die dann in der ganzen Stadt Genf aufgehängt wurden. Die Schüler*innen kamen ins Museum, entdeckten die Ausstellung


Einblick in das Projekt "Affiches participatives" des Musée Ariana



und gestalteten dann auf der Grundlage ihrer Eindrücke eigene Plakate. Auch die Personen mit einer geistigen Behinderung besuchten die Ausstellung – jedoch nicht zum gleichen Zeitpunkt wie die anderen. Und als sie dann in der Stadt ihre Plakate neben jenen der anderen Schüler*innen entdeckten, realisierten sie, dass sie Teil einer ganzen Gruppe gewesen waren und waren stolz, ihre Zeichnungen mitten in der Stadt aufgehängt zu sehen. Ein anderes Projekt hiess "blue sky", das sich an junge Migrant*innen richtete, die unbegleitet in die Schweiz immigriert waren. Wir luden sie ein, eine Woche lang jeweils den Nachmittag im Musée Ariana zu verbringen. Sie entschieden selbst, wie sie diesen Nachmittag verbringen wollten. Es durfte, aber musste nichts mit dem Museum zu tun


Eine der vielen schönen Geschichten, die aus dem Projekt "blue sky" hervorging und mich besonders freute, war, dass ein junger Migrant, der zuvor überhaupt keinen Bezug zur Keramik hatte, nun an der Kunsthochschule Keramik studiert und zu den besten seines Jahrgangs gehört. Heute ist nicht mehr er derjenige, dem geholfen wird, sondern er hilft den anderen.

haben. Manche wollten ein Video drehen, andere im Garten des Museumsparks anpacken, das in unserer Nachbarschaft gelegene IKRK (Internationales Komitee vom Roten Kreuz) besuchen oder eine Ausstellung zu einem Objekt machen. Weil es super funktionierte, wurde das Projekt verlängert. Eine der vielen schönen Geschichten, die aus dem Projekt hervorging und mich besonders freute, war, dass ein junger Migrant, der zuvor überhaupt keinen Bezug zur Keramik hatte, nun an der Kunsthochschule Keramik studiert und zu den besten seines Jahrgangs gehört. Heute ist nicht mehr er derjenige, dem geholfen wird, sondern er hilft den anderen.


Ein neuer Ausstellungsraum, der von der Vermittlungsabteilung mitgestaltet wurde, gibt Einblick in den Produktionsprozess von Kobaltblau: Kobaltmineralien, rohes Porzellan (Schale links) und Porzellan mit blau gemaltem Dekor (Schale rechts)



Die Welt der Keramik lebt stark auch vom Berühren des Materials. Wie integriert ihr diese sinnliche Erfahrung in euer Vermittlungsangebot?

Wir haben bei uns im Museum eine sogenannte "zone didactique", in der man die Vielfalt der Keramik entdecken, verschiedene Techniken kennenlernen und selbst ertasten kann, wie sich unterschiedliche Beschichtungen, Muster und Beläge anfühlen. Aber es ist eine Zone, die überarbeitet und neu gemacht werden muss und wo das Sensorische zukünftig sicher mit unseren digitalen Tools verknüpft werden wird. Ältere, historische Objekte befinden sich ohnehin in der Vitrine und können nicht berührt werden. Aber bei zeitgenössischen Objekten frage ich die Künstler*innen immer, ob die Objekte berührt werden dürfen.


Was wünschst du dir für die Zukunft der Museen?

Klar ist: Das Museum muss sich in gewisser Weise demokratisieren, muss allen zugänglich gemacht werden. In der Zusammenarbeit mit Quartierzentren erhielt ich häufig die Rückmeldung: "Aber Museen sind nichts für mich, ich verstehe nichts." Das Museum darf kein Elfenbeinturm sein, sondern muss sich seinem Quartier gegenüber öffnen. Wir zum Beispiel hatten – vor Beginn der Pandemie – viele ausländische Gäste, vor allem aus China. Aber Covid gab für viele Menschen den Anstoss, die Museen im eigenen Quartier, in der eigenen Stadt, im eigenen Kanton wiederzuentdecken. Und das sollte man bewahren. Es geht aber nicht nur ums Entdecken der Sammlungen und Ausstellungen, sondern die Leute sollen in den Museen auch einfach eine schöne Zeit verbringen. Das Musée Ariana befindet sich in einem sehr internationalen Quartier, gleich neben der UNO und dem IKRK. Vielleicht ist die Öffnung eines Museums für das breite Publikum in einer solchen Umgebung noch etwas schwieriger. Und trotzdem, vielleicht laufen die Leute durch unseren Park und denken


"Es geht nicht nur ums Entdecken der Sammlungen und Ausstellungen, sondern die Leute sollen in den Museen auch einfach eine schöne Zeit verbringen. Vielleicht laufen sie durch unseren Park und denken sich: Ich könnte ja einfach fünf Minuten kurz ins Museum gehen, nur um mir die Kuppel anzusehen."


sich: Ich könnte ja einfach fünf Minuten kurz ins Museum gehen, nur um mir die Kuppel anzusehen. Das Museum soll ein Ort des Lebens werden, wie eine Bibliothek oder ein

Restaurant. Vielleicht schaffen wir es, mit unseren Vermittlungsaktivitäten für die Quartierbevölkerung die Schwelle zum Museum niedriger werden zu lassen. Und was für mich auch wichtig ist – und was ich auch bei "L'art pour tous, tous pour l'art" sehr mochte –, ist, dass die verschiedenen Publikumsgruppen untereinander in einen Austausch kommen. Die Pandemie hat dazu geführt, dass sich viele Menschen isoliert haben, und ich denke es ist wichtig, dass die Menschen wieder zusammenkommen und miteinander in Verbindung treten. In gewissen Einkaufsläden in Frankreich wurden ja nun sogenannte "blabla"-Kassen eingeführt, an denen die Leute mit den Verkäufer*innen in einen lockeren Austausch kommen können. Vielleicht brauchen wir in den Museen etwas Ähnliches.



Hinweis : Das Projekt "L'art pour tous, tous pour l'art" wird auch in unserem neuen Themendossier "Inklusion und Diversität" vorgestellt. Zum Themendossier



Interview und Fotos: Silja Widmer

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